Forschungsfrage formulieren


Einleitung


Alle Studierenden machen die identische Erfahrung, wenn sie erstmals mit Ihrem Dozenten das Thema einer schriftlichen Arbeit besprechen. Die Lehrperson hört kurz zu und erkundigt sich dann: "Wie lautet die Fragestellung?"

Gemeint ist die sogenannte Forschungsfrage, die je nach Disziplin ebenfalls als erkenntnisleitende Fragestellung bezeichnet wird. Viele Studierende haben Probleme damit, diese aufzustellen. Dieser Ratgeber soll helfen.


Die Suche nach neuem Wissen


Die einfachste Definition von Wissenschaft steckt bereits im Namen: Neues Wissen muss geschaffen werden. Wenn du eine wissenschaftliche Arbeit verfasst, musst du deshalb etwas Neues, Unbekanntes finden.

Dies kann auch in der Form geschehen, dass du bestehende Forschungsergebnisse widerlegst. Die Fragestellung zielt genau darauf ab: Sie zeigt, an welcher Stelle du nach neuem Wissen suchst und was du zu finden hoffst.

Dies gilt für die Geistes- wie für die Naturwissenschaften gleichermaßen. Eine gute Fragestellung erkennst du daran, dass sie dieser Anforderung schon auf den ersten Blick gerecht wird.

Hierfür zwei Beispiele aus dem Fach Geschichte:

Schlechte Fragestellung
Wann wurde die BRD gegründet?

Das Datum ist bekannt, daher wird kein neues Wissen abgefragt.

Gute Fragestellung
Welche Motive veranlassten die westlichen Siegermächte dazu, der Gründung der BRD zuzustimmen?

Wissen hinter dem eigentlichen Ereignis "Staatsgründung der Bundesrepublik" wird gesucht.

Besonders bedeutsam wird die Suche nach neuem Wissen, wenn du eine Abschlussarbeit schreibst. Schon für die Bachelorarbeit und erst recht für die Masterarbeit gilt, dass diese über "einen eigenen Forschungsanspruch verfügen müssen."

Im Klartext bedeutet dies: Du musst mit einer Fragestellung arbeiten, die es in dieser Form noch nicht gab.

Die Fragestellung bestimmt das Forschungsdesign


Ein Satz, den Lehrende gerne verwenden, um die Wichtigkeit der Fragestellung zu betonen, lautet: "Sie dient als roter Faden der Arbeit." Verkürzt ist damit gemeint, dass eine begründete Antwort auf die Frage gefunden werden muss.

Die Fragestellung bestimmt deshalb die Grenzen, worüber du schreiben kannst (angemessener Zuschnitt, damit die Arbeit in den vorgegebenen Seitenzahlen verfasst werden kann).

Tipp!

Es gilt für das Verfassen der Arbeit die goldene Regel: Dient etwas nicht der Bearbeitung der Fragestellung, darf es in der Arbeit nicht auftauchen (oder muss deutlich als Exkurs gekennzeichnet und gut begründet werden).

Tatsächlich ist der "rote Faden" eigentlich dein Forschungsdesign. Der Ausdruck beschreibt, wie die Fragestellung beantwortet werden soll.

Dies bedeutet zweierlei: Erstens musst du anzeigen, was du als Material benötigst, um zu einer Antwort zu kommen. In den Naturwissenschaften können dies beispielsweise Versuchsergebnisse sein. In den Sozial- und Geisteswissenschaften listest du die Quellen auf, die du benötigst und erläuterst, weshalb du gerade diese verwendest.

Anschließend musst du kenntlich machen, wie du dein Material auswertest, um zu einer Antwort auf deine Frage zu kommen. Dieses "Wie" wird als Forschungsmethode bezeichnet. Hierfür gibt es folgende Möglichkeiten:

Deskriptiv

Du beschreibst bestimmte Dinge bzw. Merkmale und zeigst, mit dem wem sie wie in Zusammenhang stehen. Beispielsweise in der Medizin, wenn neue Medikamente getestet werden, ist diese Methode weit verbreitet.

Vergleich

Du setzt zwei Ereignisse, Testreihen, etc. in den Vergleich und erklärst die Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten.

Definierend

Du möchtest ein neues Forschungsobjekt beschreiben, dass es in dieser Form noch nicht gab und bestimmst seine wesentlichen Merkmale. Insbesondere in der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung sind solche definierenden Fragestellungen weit verbreitet.

Evaluierend

Ein Test/ Versuch wird aufgestellt und ausgewertet - beispielsweise über die Funktionen eines neuen Computerprogramms.

Normativ

Es wird nach dem Wert einer Sache (Gerät, Dienstleistung, etc.) gefragt. Es geht darum, ob es wünschenswert wäre, dass diese Sache beispielsweise zusätzliche Fähigkeiten hätte. Der normative Ansatz ist deshalb fast immer mit einer evaluierenden Methode verbunden, da beispielsweise Nutzer-Interviews ausgewertet werden müssen.

Erläuternd

Diese Fragestellung sucht nach Ursachen und bezieht sich fast immer auf Prozesse. Beispielsweise die obige Fragestellung nach den Motiven der Siegermächte ist erläuternd.

Prädiktiv

Diese Methode zielt auf Prognosen ab. Beispielsweise "Wohin wird Prozess X führen?" Auch diese Methode ist in der Regel mit wenigstens einer anderen verbunden. Z.B. werden aus bestehenden Evaluationen Prognosen für die Zukunft gewonnen.

Hermeneutisch

Die wichtigste geistwissenschaftliche Methode zielt auf die Auswertung schriftlicher Quellen. Sie werden nach den Regeln der jeweiligen Disziplin analysiert bzw. interpretiert.

Die Forschungsfrage bestimmt fast immer bereits die Forschungsmethode. Als Beispiel: Politikwissenschaftler beschäftigen sich mit Vorliebe mit politischer Kommunikation.

Sie beschreiben deshalb rhetorische Figuren von Politikern und ihre Wirkung auf die Wähler. Sie arbeiten also deskriptiv (welche rhetorischen Figuren?) und normativ-evaluierend (wie ist die Wirkung?).


Über die Hypothese


Die Hypothese (oft auch nur als These bezeichnet) ist die Annahme, wie die Antwort auf die Fragestellung ausfällt. Als Beispiel aus der obigen Fragestellung:

Hypothese
Die westlichen Siegermächte brauchten einen deutschen Teilstaat als Verbündeten im aufziehenden Kalten Krieg.

Es geht dann darum, die These auf Richtigkeit zu überprüfen (sie "zu beweisen.").

Die These kann Teil der Fragestellung sein, muss es aber nicht. Als Beispiel:

These
Ein Kind des Kalten Krieges? Die Motive der Westmächte bei der Gründung der BRD


Hilfsfragestellungen: Große Themen bearbeitbar machen


Spätestens bei der Bachelorarbeit und der Masterarbeit ist die Forschungsfrage in der Regel so groß, dass sie in dieser Form nicht beantwortet werden kann. Sie muss in Hilfs- bzw. Teilfragestellungen zerlegt werden, die sinnvoll sind.

Hierbei gilt es, die wesentlichen Bausteine der Ausgangsfrage zu identifizieren. Ein Beispiel verdeutlich dies am einfachsten. Greifen wir hierfür wieder auf das BRD-Beispiel zurück.

Passende Hilfsfragestellungen wären:

  • Welche Motive hatten die USA?
  • Welche Motive hatte Großbritannien?
  • Welche Motive hatte Frankreich?

Die Motive der drei westlichen Siegermächte werden also einzeln untersucht. Diese Ergebnisse können abschließend vergleichend analysiert werden.


Ein letzter Tipp: Die Frage muss nicht als Frage formuliert sein


Die erkenntnisleitende Fragestellung findet fast immer Eingang in den Titel der Arbeit. Dies ist sinnvoll, schließlich ist das gesamte Design der Prüfungsleistung an ihr orientiert. Leider wirken Fragen im Titel in vielen Fällen sprachlich unschön.

Es ist deshalb nicht notwendig, dass die Fragestellung tatsächlich als Frage formuliert ist.

  • Die Gründung der BRD - Eine Untersuchung der Motive der westlichen Siegermächte

wäre beispielsweise zulässig.

Wird deutlich, worum sich die Analyse dreht, kann die Frageform entfallen. Werden Thesen in den Titel aufgenommen, müssen diese allerdings als Frage aufgeführt werden.

Über den Autoren

Der Autor ist promovierter Historiker, unterrichtet seit Jahren an einer deutschen Universität, hat mehr als 10.000 studentische Arbeiten gelesen und war Prüfer zahlloser Bachelor- und Masterarbeiten


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