Schreiben zwischen Handwerk und Kunst

Geschriebene Sprache ist zuerst einmal ein Verständigungsmittel. Wenn die reine Funktion der Worte mit Sinn aufgeladen wird, entsteht eine weitere Ebene. Ausdrucksweisen und Sätze beginnen, Assoziationen und Bilder zu provozieren. Wenn kreatives Schreiben literarische Qualität erreicht, erhält sogar Ungeschriebenes Bedeutung: die buchstäbliche Aussage zwischen den Zeilen.

Jede schriftliche Ausdrucksform, die über das rein Faktische hinausgeht, hat einen kreativen Anteil. Wörter sind an sinnlichen Erfahrungen gekoppelt. Was gesehen, erfühlt, gerochen oder gehört wurde, erhält eine Art Chiffre. Beim kreativen Schreiben können diese gemeinsamen Erfahrungen von Verfasser und Leser abgerufen werden. Konkrete Schilderungen erschaffen Bilder. Da die Erfahrungswelten der Menschen nur grob übereinstimmen, bestimmt der Schreiber mit seiner handwerklichen Präzision, was beim Leser ankommt beziehungsweise entsteht. Auf diesem Fundament kann kreatives Geschriebenes anfangen, den Leser an die Hand zu nehmen. In den aus Bildern entstandenen Emotionen beschreitet der Inhalt ein Labyrinth. Das Spektrum reicht von erwartbarem Verlauf bis zu überraschenden Wendungen. Kreativität im Text spielt auf einer gemeinsam verständlichen Grundlage mit den Irrungen und Wirrungen, die gedankliche Abzweigungen und Wege bestimmen und beenden können.

Im eigenen Sprachfundus fischen

Handwerkszeug und Material für das kreative Schreiben speisen sich aus dem eigenen Verstehen. Bekanntes wird abgerufen und bisher Fremdes assoziiert. Was selber nicht verstanden wurde oder verstanden wird, verwirrt zuerst den Schreiber und dann den Leser. Verständliche Kreativität setzt immer handwerkliche Präzision und Assoziationsfähigkeit voraus. Ein Rabe kann ein verkleideter Engel sein. Beide fliegen und besitzen für die Mehrheit der lesenden Menschen eine mystische Ausstrahlung. Ein geküsstes Auto wird wohl kein Frosch, auch wenn der Gedanke kreativ ist. Natürlich kann kreatives Schreiben die Erfahrungswelt erweitern. Das funktioniert aber nur, wenn eine Nachvollziehbarkeit bei allen Beteiligten vorhanden bleibt. Schreiber schreiben nur gut, wenn es beim Leser verständlich ankommt.

Logik und Überraschung

Wenn kreatives Schreiben mit dem Plot eines Films verglichen wird, lassen sich einige handwerkliche Bedingungen bildlich gut materialisieren. Die Bilder aus dem Gelesenen setzen sich im Kopf des Lesers zu einem Film zusammen. Unbekannte Personen und Protagonisten führen sich ein und werden zu Bekannten. Szenerien bilden Kulissen, die Wiedererkennungswert haben. Vorgänge und Taten würzen den Handlungsverlauf. Die beim Leser zu Bekannten gewordenen Figuren können Überraschendes vollführen, unbegrenzte tiefer versteckte Eigenschaften entwickeln und seltsamste Wege beschreiten. Ein logischer Fehler zerstört das Bild vollständig. Unveränderliches ist auch im kreativsten Prozess nicht möglich. Ausnahmen bilden und bieten Fantasiewelten mit surrealistischen Kulissen und Lebewesen. Kreatives Schreiben hat seine Grenzen. Der Plot bestimmt, wie weit sie gefasst sind.

Gegensätzliches und Gleiches

Kreativität entsteht auch aus Kontrasten. Eine Grundregel beim journalistischen Schreiben lautet, das ohne Konflikt kein Nachrichtenwert existiert. Erweitert und umgemünzt auf die kreative Schreibe gilt dieser Spannungsbogen ebenfalls. Großer Unterschied ist die Wahl der Betrachtungswinkel und Perspektiven. Kontraste und Konflikte im Handlungsverlauf wie Gut und Böse verlassen die Textebene nur in geringem Maße. Setzt der Autor auf einen Konflikt oder Kontrast zu dritten Parteien oder mit seinem Leser, sprengt er die Ebene. Typisches Beispiel sind Protagonisten, die zuerst als Identifikationsfiguren dienen und diese Eigenschaft im Handlungsverlauf verlieren oder umkehren. Reibung erzeugt Emotion. Der Grat ist schmal. Enttäuschung erzeugt Abkehr.

Stil zwischen Erfindung und Realität

Die Definition des kreativen Schreibens führt in der literarischen Welt immer wieder zu hitzigen Diskussionen. Ob es eine Grenze zwischen unkreativem und kreativem Schreiben gibt, ist Hauptgegenstand der oft sehr akademischen Debatte. Wenn ein Autor aus Worten und Sätzen sinnstiftende Zusammenhänge schafft, ist er bereits kreativ. Die Beurteilung, ob das Geschriebene die rein handwerkliche Ebene bereist verlassen hat, findet keine abschließende Antwort. Ein Aufbauplan und eine Bedienungsanleitung werden schwerlich dem kreativen Schreiben zugerechnet. Wenn dem Leser und Nutzer ein verständliches Bild entsteht, sind sie brauchbar. Das muss der Schreiber bewirken, ob kreativ oder nicht.

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